Ausdruckstanz in Wien — Geschichte, Kurse & Einstieg in den expressiven Tanz
Wenn du in Wien nach einer Tanzform suchst, in der nicht die perfekte Form, sondern der innere Impuls zählt, dann führt dein Weg ziemlich sicher früher oder später zum Ausdruckstanz. Es ist eine der ältesten und zugleich radikalsten Tanzbewegungen Europas — und sie ist in Wien lebendiger, als viele denken.
In diesem Artikel zeigen wir dir, was Ausdruckstanz eigentlich ist, woher er kommt, was ihn von anderen Tanzformen unterscheidet und wo du in Wien Kurse, Workshops und Studios findest, um selbst einzusteigen.
Was ist Ausdruckstanz?
Ausdruckstanz ist eine künstlerische Tanzrichtung, in der das individuelle Empfinden und der persönliche Ausdruck im Mittelpunkt stehen. Bewegung entsteht nicht aus einer vorgegebenen Choreografie oder einem festen Schrittrepertoire, sondern aus dem, was du in diesem Moment empfindest — körperlich, emotional, gedanklich.
Das macht Ausdruckstanz zu einer Tanzform, die sich gut zugänglich anfühlt und gleichzeitig sehr tief gehen kann. Es geht nicht darum, „richtig" zu tanzen. Es geht darum, eine Sprache zu finden, in der dein Körper das ausdrückt, wofür Worte zu eng wären.
Typische Elemente einer Ausdruckstanz-Stunde sind:
- ●Körperarbeit und Wahrnehmung — du lernst, dich von innen zu spüren
- ●Atem und Erdung als Ausgangspunkte für Bewegung
- ●Improvisation mit Themen wie Raum, Dynamik, Schwere, Spannung
- ●freie Bewegungsphrasen, oft inspiriert von Bildern, Musik oder inneren Zuständen
- ●Verbindung von Bewegung mit Stimme, Emotion oder Charakter
Der Begriff überschneidet sich heute oft mit modernem Tanz, zeitgenössischem Tanz und Tanzimprovisation — und doch hat Ausdruckstanz eine eigene, sehr klare Wurzel.
Die Geschichte: Eine Revolution gegen das Ballett
Ausdruckstanz entstand zwischen etwa 1910 und 1933 im deutschsprachigen Raum als bewusste Gegenbewegung zum klassischen Ballett. Während das Ballett auf strenge Form, äußere Schönheit und Virtuosität setzte, fragten die Pionier:innen des Ausdruckstanzes etwas ganz anderes: Was bewegt dich wirklich — und wie sieht das aus, wenn dein Körper es zeigt?
Drei Namen tauchen in jeder Geschichte des Ausdruckstanzes auf:
- ●Rudolf von Laban entwickelte ein eigenes Bewegungssystem und prägte den Satz „Jeder Mensch ist ein Tänzer." Er erforschte Raum, Antrieb und Bewegungsqualität als künstlerische Bausteine.
- ●Mary Wigman, die wohl bekannteste Vertreterin, schuf Solos voller Intensität — oft ohne Musik, manchmal mit Masken, immer mit einer geerdeten, fast rituellen Kraft.
- ●Kurt Jooss verband Ausdruckstanz mit erzählerischer Form und legte damit eine Brücke zum heutigen Tanztheater.
Die Bewegung war in den 1920er Jahren so einflussreich, dass sie den modernen Tanz weltweit prägte — bis politische Umstände in den 1930er Jahren eine harte Zäsur setzten. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte der Ausdruckstanz in neuer Form weiter, unter anderem als Wegbereiter des Tanztheaters von Pina Bausch und des modernen, freien Tanzes, wie wir ihn heute kennen.
Was Ausdruckstanz heute ausmacht
Wenn du heute in Wien einen Kurs in Ausdruckstanz besuchst, bekommst du selten ein historisches Reenactment. Was du bekommst, ist eine zeitgenössische Praxis, die sich auf die Wurzeln beruft, aber durch viele Jahrzehnte Tanzgeschichte gegangen ist.
Konkret bedeutet das:
- ●Improvisation als Methode. Du lernst, aus dir heraus Bewegung zu finden, statt Schritte nachzumachen.
- ●Körperbewusstsein als Basis. Anatomie, Atem, Erdung und Wahrnehmung sind Werkzeuge, mit denen du arbeitest — nicht nur „Aufwärmen".
- ●Künstlerischer Anspruch. Es geht nicht nur um Wohlbefinden, sondern auch um Gestaltung. Du erforschst, wie du etwas zeigst.
- ●Offenheit für Themen. Eine Stunde kann sich um Schwere drehen, um Stille, um Freude, um einen Text, um ein Bild — Ausdruckstanz hat keine Tabus.
Genau diese Mischung macht ihn so spannend: Er ist gleichzeitig Selbstbegegnung, künstlerische Praxis und eine Form von Körperimprovisation, die du in Wien live erleben kannst.
Ausdruckstanz in Wien — wo du Kurse findest
Wien hat eine reiche Tanzszene, in der Ausdruckstanz an mehreren Stellen lebendig ist. Hier sind die wichtigsten Anlaufstellen:
Tanzzentrum Wien
Das Tanzzentrum Wien im 3. Bezirk bietet einen eigenen, regelmäßigen Ausdruckstanz-Kurs an. Die Stunden verbinden Elemente aus zeitgenössischem Tanz und Yoga mit Improvisation und freier Bewegung. Geeignet ist der Kurs sowohl für Einsteiger:innen als auch für Menschen mit Tanzerfahrung. Zusätzlich gibt es punktuelle Samstags-Workshops, in denen Themen vertieft werden — gute Gelegenheit, um zu schnuppern, bevor du dich für einen längeren Kurs entscheidest.
Studios mit Schwerpunkt künstlerischer Tanz
Studios wie das Studio Margit Manhardt in Wien bieten Kurse im Bereich künstlerischer und freier Tanz, in denen Ausdruckstanz und Tanzimprovisation enge Nachbarn sind. Die Stundenformate sind meist klein und persönlich, was den Einstieg deutlich erleichtert.
Universitäre und institutionelle Angebote
Das USI Wien (Universitätssportinstitut) und einige Volkshochschulen bieten saisonale Kurse im Bereich moderner und zeitgenössischer Tanz an, die teilweise stark mit Ausdruckstanz arbeiten. Diese Angebote sind preiswert und ein guter erster Schritt, wenn du dir noch unsicher bist.
Festivals und Intensiv-Workshops
ImPulsTanz, das große Wiener Tanzfestival im Sommer, bringt jedes Jahr internationale Lehrende nach Wien. Viele Workshops dort haben einen Ausdruckstanz- oder Improvisationsfokus — ein idealer Ort, um in kurzer Zeit viele Stile kennenzulernen.
Eine kuratierte Übersicht über aktuelle Kurse und Workshops zu Ausdruckstanz, Tanzimprovisation und verwandten Formen findest du jederzeit auf unserer Seite Workshops.
Für wen ist Ausdruckstanz geeignet?
Die ehrliche Antwort: für fast alle, die neugierig genug sind.
Ausdruckstanz braucht keine Vorerfahrung im Tanz. Du musst weder beweglich sein noch „im Takt" tanzen können noch wissen, wie ein Plié geht. Was du brauchst, ist die Bereitschaft, dich auf deinen eigenen Körper einzulassen und nicht ständig zu wissen, was als Nächstes passiert.
Besonders gut eingestiegen sind Menschen, die:
- ●nach einer Form von Bewegung suchen, in der sie sich nicht ständig vergleichen müssen
- ●aus dem Theater oder einer anderen darstellenden Kunst kommen und ihre körperliche Sprache erweitern wollen
- ●Erfahrung mit Yoga, Meditation oder Körperarbeit haben und das Ganze in Bewegung übersetzen möchten
- ●aus dem klassischen Tanz kommen und nach mehr Freiheit suchen
- ●einfach Lust haben, sich selbst und ihren Ausdruck neu zu entdecken
Erste Schritte: So steigst du ein
Wenn du in Wien beginnen möchtest, hilft folgende Reihenfolge:
1. Schau dir Angebote an. Such dir zwei oder drei Studios oder Workshops aus, die dich anziehen — Ort, Format, Lehrperson sollten zu dir passen.
2. Mach eine Schnupperstunde. Die meisten Studios bieten Einzeleinheiten oder günstige Trial-Klassen. Das ist die ehrlichste Methode, um zu wissen, ob die Sprache der Lehrperson zu dir passt.
3. Geh zwei- bis dreimal hin, bevor du urteilst. Ausdruckstanz braucht oft ein, zwei Stunden, bis sich dein Körper einlässt. Eine einzige Schnupperstunde sagt selten alles.
4. Trag bequeme Kleidung und bleib barfuß oder in Socken. Du brauchst keine speziellen Schuhe.
5. Lass den Anspruch zu Hause. In den ersten Stunden geht es nicht darum, schön auszusehen, sondern darum, dich zu spüren.
Verwandte Formen, die du in Wien ausprobieren kannst
Ausdruckstanz steht nicht allein. In Wien findest du eine ganze Familie verwandter Praktiken, die sich gegenseitig ergänzen:
- ●**Tanzimprovisation** — die methodische Schwester des Ausdruckstanzes, mit eigenen Übungen und Strukturen
- ●**Kontaktimprovisation** — der körperliche Dialog mit anderen, oft am Boden
- ●**Zeitgenössischer Tanz** — die strukturiertere, technische Verwandte
- ●Authentic Movement und somatische Praktiken — die introvertierten, achtsamkeitsbasierten Nachbarinnen
Wer einmal in einer dieser Formen heimisch ist, findet meist in den anderen auch schnell Anschluss.
Fazit
Ausdruckstanz ist keine Modeerscheinung. Er ist eine über hundert Jahre alte Bewegungssprache, die in Wien quietschlebendig ist — in kleinen Studios, in Universitätskursen, auf großen Festivalbühnen. Was ihn ausmacht, ist eine einfache, beinahe radikale Einladung: Bring dich, wie du bist, und tanz das.
Wenn du Lust hast, das selbst auszuprobieren, schau in unsere aktuellen Workshops. Dort findest du laufend neue Termine zu Ausdruckstanz, Tanzimprovisation und verwandten Formen — kuratiert für die Wiener Körperimprovisations-Szene.