Authentic Movement in Wien — Bewegung mit geschlossenen Augen
Es gibt eine Bewegungspraxis, bei der es nichts zu lernen gibt. Keine Schritte, keine Technik, keine Choreografie. Du schließt die Augen, wartest — und irgendwann bewegt sich etwas. Vielleicht nur ein Finger. Vielleicht wirbelst du durch den Raum. Und jemand sieht dir dabei zu, still und wohlwollend. Das ist Authentic Movement.
Die Praxis ist leise, tief und in Wien noch ein Geheimtipp — obwohl es hier mittlerweile mehrere Gruppen, Workshops und Studios gibt, die sie anbieten. In diesem Artikel erfährst du, was Authentic Movement wirklich ist, woher es kommt, wie eine Session abläuft und wo du in Wien einsteigen kannst.
Was ist Authentic Movement?
Authentic Movement — im Deutschen manchmal Authentische Bewegung oder Wahrhaftige Bewegung genannt — ist eine Form der inneren, selbstgeleiteten Bewegung. Statt einer Anleitung von außen folgst du dem, was in dir passiert: einem Impuls, einer Empfindung, einem Bild.
Der entscheidende Unterschied zu fast allen anderen Bewegungsformen liegt in einer Unterscheidung, die auf die Begründerin Mary Starks Whitehouse zurückgeht: der Unterschied zwischen „ich bewege" und „ich werde bewegt". Im ersten Fall entscheidest du bewusst, was dein Körper tut. Im zweiten Fall lässt du zu, dass eine Bewegung entsteht, die du nicht geplant hast — und folgst ihr.
Genau darum geht es. Nicht um schöne Bewegung. Nicht um Ausdruck für ein Publikum. Sondern um ein sehr ehrliches Zuhören nach innen.
Die zwei Rollen: Mover und Witness
Authentic Movement ist keine Solo-Praxis. Sie funktioniert über zwei Rollen, die du im Lauf einer Session meist beide einnimmst.
Der Mover (die sich bewegende Person) schließt die Augen und wendet die Aufmerksamkeit nach innen. Was auch immer auftaucht — Wärme, Schwere, ein Zittern, ein Impuls, den Arm zu heben, der Wunsch, einfach liegen zu bleiben — bekommt Raum. Es darf gegangen, getanzt, geatmet, geräuscht oder gar nichts getan werden. Nichts davon ist falsch.
Der Witness (der Zeuge, die Zeugin) sitzt am Rand des Raums und schaut zu. Und zwar nicht bewertend, nicht analysierend, sondern präsent und wohlwollend. Das Besondere: Der Witness beobachtet nicht nur den Mover, sondern gleichzeitig sich selbst. Welche Gefühle, Gedanken und Bilder tauchen beim Zusehen in mir auf? Zeugenschaft ist damit eine eigene Praxis — oft die anspruchsvollere von beiden.
Diese Rollenteilung war historisch ein kleiner Umbruch. Ursprünglich war die zusehende Person die Therapeutin. Dass der Witness zu einer Rolle wurde, die alle Teilnehmenden übernehmen, hat die Praxis aus dem rein therapeutischen Rahmen herausgeholt und sie zu dem gemacht, was sie heute ist.
Woher kommt Authentic Movement?
Die Wurzeln liegen in der Tanztherapie der 1950er- und 60er-Jahre in den USA.
Mary Starks Whitehouse (1911–1979) war Tänzerin, ausgebildet unter anderem bei Martha Graham und der deutschen Ausdruckstänzerin Mary Wigman. Beeinflusst von der Tiefenpsychologie C. G. Jungs — insbesondere von dessen Methode der aktiven Imagination — entwickelte sie einen Ansatz, den sie „Movement in Depth" nannte: Bewegung als Weg zum Unbewussten.
Janet Adler, eine Schülerin Whitehouses, prägte den Begriff Authentic Movement und entwickelte daraus ab 1969 die systematische Praxis von Mover und Witness. 1981 gründete sie das Mary Starks Whitehouse Institute, die erste Schule für Authentic Movement. Ihre Arbeit beschreibt eine Entwicklung von individueller Wahrnehmung über die Beziehung zwischen Mover und Witness bis hin zu kollektiven Formen der Praxis.
Auch Joan Chodorow hat die Verbindung zur Jung'schen Psychologie weiter ausgearbeitet. Wenn du tiefer einsteigen willst: Der Sammelband Authentic Movement mit Essays von Whitehouse, Adler und Chodorow gilt bis heute als Standardwerk.
Wie läuft eine Session ab?
Der Ablauf ist überall ähnlich, auch wenn jede Gruppe eigene Akzente setzt.
- ●Ankommen. Kurzes Einfinden im Raum, manchmal ein Aufwärmen, oft einfach nur Stille und Atem.
- ●Bewegungsphase. Die Zeit ist klar begrenzt — häufig zwischen fünf und dreißig Minuten. Der Mover bewegt sich mit geschlossenen Augen, der Witness schaut zu. Ein akustisches Signal beendet die Phase.
- ●Rollentausch. In den meisten Gruppen wechseln beide Seiten, sodass du beide Erfahrungen machst.
- ●Verbale Integration. Danach wird gesprochen — und zwar in einer bestimmten Reihenfolge und Sprache. Zuerst erzählt der Mover, dann der Witness. Gesprochen wird in der Ich-Form und ohne Interpretation: nicht „du wirktest traurig", sondern „ich habe gesehen, wie du dich zusammengerollt hast, und in mir wurde es schwer". Diese Sprachdisziplin ist kein formales Detail, sondern das Herzstück — sie schützt den Raum davor, zur Deutungsbühne zu werden.
Sicherheit ist mitgedacht: Weil die Augen geschlossen sind, achtet der Witness auch darauf, dass niemand gegen eine Wand oder eine andere Person läuft.
Authentic Movement in Wien: Wo du einsteigen kannst
Die Wiener Szene ist klein, aber es gibt sie — verteilt über Tanzstudios, tanztherapeutische Praxen und Kulturorte.
Im Tanzzentrum Wien am Fiakerplatz im 3. Bezirk finden Authentic-Movement-Workshops statt, die Improvisations-Warm-ups mit dem Tanz mit geschlossenen Augen verbinden — ausdrücklich offen für Neugierige ohne Vorerfahrung ebenso wie für Tanzende, die künstlerisch damit weiterarbeiten wollen.
DAS DORF in der Oberen Viaduktgasse im 3. Bezirk bietet Authentic Movement in Kursform an, mit dem klassischen Setting aus Bewegung mit geschlossenen Augen und begleitender Zeugenschaft in einem geschützten Rahmen.
Daneben arbeiten mehrere Einzelanbieter:innen in Wien mit der Methode — etwa die bewegungswerkstatt wien aus dem tanztherapeutischen Feld, frei bewegt von Lui Claudia Springer, die Authentic Movement mit Kontaktimprovisation und Bewegungsforschung verbindet, sowie das Institut Kama. Auch die österreichische Plattform authentic-movement.at sammelt Angebote im deutschsprachigen Raum.
Typisch ist das Workshop- oder Abendformat: zwei bis drei Stunden, kleine Gruppen, oft mit Anmeldung. Fortlaufende Gruppen gibt es ebenfalls, sie sind aber meist nach einer Schnuppereinheit zugänglich. Aktuelle Termine für körperbasierte Bewegungsangebote in Wien findest du in unserer Workshop-Übersicht.
Für wen ist das etwas?
Authentic Movement braucht keine Tanzerfahrung, keine Beweglichkeit und keine Bühnenambition. Was es braucht, ist Bereitschaft, eine Weile nicht zu wissen, was als Nächstes passiert.
Besonders gut passt die Praxis, wenn du:
- ●viel im Kopf bist und einen Zugang zum eigenen Körperempfinden suchst
- ●schon andere Körperimprovisation machst und die innere, nicht-performative Seite vertiefen willst
- ●gern in Stille arbeitest — Authentic Movement ist deutlich ruhiger als die meisten Tanzformen
- ●Interesse an tiefenpsychologischen oder körpertherapeutischen Ansätzen hast
Ein ehrlicher Hinweis: Weil die Praxis nach innen führt, können unerwartet starke Gefühle auftauchen. Das ist normal und wird in gut geleiteten Gruppen aufgefangen. Wenn du gerade in einer sehr belastenden Lebensphase bist, sprich vorher kurz mit der Leitung — seriöse Anbieter:innen schätzen das.
Abgrenzung: Was Authentic Movement nicht ist
Weil die Begriffe leicht durcheinandergehen, kurz zur Einordnung:
- ●Anders als bei der Tanzimprovisation geht es nicht um Bewegungsmaterial, Gestaltung oder Komposition. Es entsteht kein Stück.
- ●Anders als bei der Kontaktimprovisation steht der Körperkontakt nicht im Zentrum. Berührung kann vorkommen, ist aber nie Ziel oder Aufgabe.
- ●Und es ist keine Psychotherapie, auch wenn die Wurzeln in der Tanztherapie liegen. Manche Anbieter:innen arbeiten therapeutisch, viele nicht — frag im Zweifel nach.
Dein Einstieg
Der beste Weg zu Authentic Movement führt nicht über Lesen, sondern über Ausprobieren. Such dir einen Einführungsworkshop, bring bequeme Kleidung mit und lass die Erwartung zu Hause, etwas „richtig" machen zu müssen.
Der erste Mover-Moment fühlt sich für die meisten Menschen seltsam an: Augen zu, und nichts passiert. Genau dieses Nichts ist der Anfang. Bleib dran — und schau, wohin dein Körper dich führt, wenn du ihm ausnahmsweise nicht sagst, was er tun soll.
Aktuelle Bewegungs- und Improvisationsangebote in Wien findest du jederzeit in unserer Workshop-Übersicht.