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Contact Improvisation in Wien — Die internationale CI-Szene zwischen Steve Paxton und Wiener Winterjam

Contact Improvisation ist eine der einflussreichsten Bewegungsformen des späten 20. Jahrhunderts — und Wien ist seit Jahrzehnten einer der zentralen Knotenpunkte für diese Praxis in Europa. Wer in Wien lebt und Contact Improvisation kennenlernen will, taucht in eine internationale Szene ein, die genauso lokal verwurzelt wie global vernetzt ist.

In diesem Artikel schauen wir uns die Geschichte, die zugrundeliegenden Prinzipien und das aktuelle Bild der Contact Improvisation in Wien an — von den Anfängen in einer New Yorker Galerie 1972 bis zum Wiener Winterjam und dem internationalen Contact Festival Austria.

Eine kurze Geschichte der Contact Improvisation

Contact Improvisation — kurz CI — entstand 1972 in den USA. Der amerikanische Tänzer und Choreograf Steve Paxton (1939–2024) versammelte im Juni 1972 rund 15 Tänzer:innen und Athlet:innen für eine fünftägige Performance in der John Weber Gallery in Manhattan. Diese Aufführung trug den Titel Contact Improvisations — der Geburtsmoment einer neuen Tanzform.

Vorausgegangen war Paxtons Stück Magnesium (Januar 1972), eine zwanzigminütige Performance auf Turnmatten am Oberlin College. Tänzer:innen sprangen, fielen, stießen aneinander, klammerten sich aneinander fest. Paxton verband dabei seine Erfahrung aus der modernen Tanztechnik (er hatte unter José Limón und Merce Cunningham getanzt) mit Aikido, Gymnastik und somatischen Praktiken.

Diese ungewöhnliche Kombination — westlicher Tanz trifft japanische Kampfkunst trifft Körperarbeit — bildet bis heute den Kern der Contact Improvisation. Mit Steve Paxtons Tod 2024 endete eine Ära, doch die Form, die er begründet hat, wird weltweit von Tausenden Praktizierenden weitergetragen — auch hier in Wien.

Die zentralen Prinzipien der Contact Improvisation

Wer Contact Improvisation in Wien zum ersten Mal erlebt, sieht oft etwas, das schwer einzuordnen ist: zwei oder mehr Menschen, die sich berühren, rollen, lehnen, miteinander durch den Raum bewegen — ohne sichtbare Choreografie. Was hier passiert, folgt aber sehr klaren Prinzipien:

Weight Sharing — Gewicht teilen

Das Herzstück von CI ist das gemeinsame Tragen von Gewicht. Anders als im klassischen Paartanz, wo eine Person führt und die andere folgt, geben beide Tanzpartner:innen ihr Gewicht gleichzeitig ab und nehmen es entgegen. Schwerkraft wird vom Gegner zum Tanzpartner. Aus dem Zusammenspiel zweier Massen entsteht die Bewegung.

Skinesphere — der Raum unter der Haut

Während die Kinesphere den Bewegungsraum rund um den Körper meint, bezeichnet die Skinesphere den Raum unter der Haut: die innere Wahrnehmung, das Spüren von Knochen, Muskeln, Atem, Gewichtsverteilung. Contact Improvisation beginnt nicht mit dem Sehen oder Denken, sondern mit diesem inneren Hören.

Disorientation — produktive Desorientierung

Wir sind es gewohnt, aufrecht zu stehen und in Sichtkontakt mit anderen zu kommunizieren. In CI wird das aufgelöst: man rollt über den Rücken einer anderen Person, schaut kurz an die Decke, ist halb auf dem Kopf, wieder am Boden. Diese kontrollierte Desorientierung schult Reflexe, Vertrauen und körperliche Intelligenz. Sie ist nicht Mittel zum Zweck — sie ist eine eigenständige Qualität dieser Praxis.

Der Kontaktpunkt

Im Zentrum jedes Duetts steht ein wandernder Punkt: dort, wo sich zwei Körper berühren. Dieser Punkt verschiebt sich ständig — vom Rücken zur Schulter zur Hüfte zum Knie. Aus seinem Wandern entsteht der Tanz.

Die internationale CI-Szene in Wien

Wien hat eine ungewöhnlich starke und internationale Contact-Improvisation-Szene. Das liegt unter anderem daran, dass Wien als Kulturmetropole regelmäßig CI-Lehrer:innen aus aller Welt anzieht — und daran, dass viele Jams und Workshops bewusst zweisprachig (Deutsch / Englisch) geführt werden. Du musst kein perfektes Deutsch sprechen, um in der Wiener CI-Community willkommen zu sein.

Der Wiener Winterjam

Eines der bekanntesten jährlichen Events ist der Wiener Winterjam — ein Wochenende voller Contact Improvisation, Workshops, Live-Musik und gemeinsamem Essen. Für Einsteiger:innen ist meist ein einführender „Contact Principles"-Workshop am Freitag obligatorisch, bevor man an den offenen Jams teilnimmt. Der Winterjam ist eine der besten Gelegenheiten, die Wiener CI-Szene konzentriert an einem Wochenende zu erleben.

Contact Festival Austria

Das Contact Festival Austria wurde 2012 in Wien von der künstlerischen Leiterin Sabine Parzer und einem Mitorganisations-Team gegründet. In den ersten beiden Jahren fand das Festival in Wien statt, zog dann jedoch ins niederösterreichische Yspertal um — von Wien aus mit Auto oder öffentlichem Verkehr gut erreichbar. Das Festival ist international ausgerichtet, mit Fokus auf Forschung, Performance und Verbindung zur natürlichen Umgebung. Wer in Wien lebt und tiefer in CI einsteigen will, hat hier eine der besten Adressen im deutschsprachigen Raum.

Wöchentliche Jams und offene Studios

Neben den Großevents bildet das eigentliche Rückgrat der Wiener Szene das wöchentliche Jam-Programm. In verschiedenen Studios und an wechselnden Locations finden in Wien regelmäßige Contact Jams statt — oft offen für Einsteiger:innen, manche mit kurzem Einführungsangebot vor der eigentlichen Jam, andere für erfahrene Praktizierende. Im Lauf eines Jahres tanzen hunderte Menschen in Wien regelmäßig CI.

Was Contact Improvisation in Wien besonders macht

Für eine Stadt von Wiens Größe ist die CI-Szene erstaunlich dicht. Drei Gründe machen sie besonders:

1. Internationale Lehrer:innen — durch Wiens Lage und Kulturinfrastruktur kommen regelmäßig CI-Lehrer:innen aus den USA, Israel, Frankreich, Deutschland und Italien für Workshops in die Stadt.

2. Sprachoffenheit — viele Lehrer:innen unterrichten zweisprachig oder auf Englisch. Wien hat eine große internationale Community, die das CI-Leben trägt.

3. Verbindung zur Wiener Tanz- und Theaterszene — CI ist in Wien nicht isoliert. Es überschneidet sich mit der freien Tanzszene, mit Tanzimprovisation, Improvisationstheater und somatischen Praktiken. Wer CI tanzt, begegnet automatisch anderen Spielarten der Körperimprovisation.

Wie du in Wien mit Contact Improvisation starten kannst

Die Hürden für den Einstieg sind niedriger, als viele denken. Du brauchst:

  • Keine Tanzerfahrung. CI ist explizit offen für Menschen ohne Tanzhintergrund.
  • Keinen festen Partner. Auf Jams wechseln die Tanzpartner:innen ständig — und manchmal tanzt man ganz allein.
  • Bequeme Kleidung. Kein Schmuck, keine Reißverschlüsse, keine harten Knöpfe. Meistens wird barfuß oder in Socken getanzt.
  • Geduld mit dir selbst. Die ersten Sessions können sich seltsam anfühlen. Das ist normal. Bei den meisten Menschen braucht es drei bis fünf Termine, bis sich CI „natürlich" anfühlt.

Empfehlung: Starte mit einem Einführungsworkshop und besuche danach eine erste Jam. So lernst du die Prinzipien in Ruhe kennen und betrittst die Jam-Räume nicht völlig unvorbereitet.

Contact Improvisation Wien — aktuelle Workshops und Jams

Auf impro wien sammeln wir aktuelle Workshops, Kurse und Jams aus dem Bereich Bewegungsimprovisation in Wien — Contact Improvisation ist ein zentraler Teil unseres Programms. Schau regelmäßig vorbei oder melde dich für den Newsletter an, damit dir keine wichtigen Termine entgehen.

Wer schon tiefer in der Materie steckt, sollte auch das Contact Festival Austria, den Wiener Winterjam und die wöchentlichen Stadt-Jams im Blick behalten. Über das Jahr hinweg ergibt sich daraus ein dichtes, lebendiges CI-Leben — ganz im Sinne dessen, was Steve Paxton 1972 in Bewegung gebracht hat.